Wir können unsere Wut kaum in Worte fassen: Lehrer berichten, sie haben das Jugendamt Mitte schon vor Monaten darauf hingewiesen, dass Chantals jüngere Pflegeschwester einen verwahrlosten Eindruck machte und die Pflegeeltern sie teilweise nicht einmal von Terminen abholte. Da berichtet der leibliche Vater, dass er das Jugendamt bereits vor langer Zeit auf die Probleme in der Familie aufmerksam gemacht hat. Immer mehr Berichte von Beteiligten und anderen Personen erscheinen, die ein katastrophales Bild ergeben: das Jugendamt hat nichts getan. Wissend, dass Chantal in Gefahr ist. Es ist unfassbar.
Jugendamt wusste von Drogenkarriere
Inzwischen steht fest, dass das Jugendamt sehr wohl von den Drogenproblemen der Pflegefamilie wusste. Und nichts unternommen hat. Da hilft es auch nicht, wenn Bezirksamtschef Markus Schreiber nun Drogentests für alle potenziellen Pflegeeltern anordnet – es keimt der Verdacht auf, dass die Ergebnisse ohnehin niemand interessieren. A propos Markus Schreiber: für Leser, die nicht aus Hamburg stammen, sei hier am Rande erwähnt, dass Markus Schreiber beileibe kein Unbekannter in Hamburg ist. Er war es, der einen Stahlzaun um eine Brücke bauen ließ, um die dortigen Obdachlosen zu vertreiben, er war es, der ihn nach harschem Protest aus Hamburg wieder abreißen ließ und stattdessen trotzig eine Luxustoilette dort aufstellen ließ, die niemand sauberhält. Er war es auch, der Obdachlose vom Hauptbahnhof verdrängen wollte – in Hamburg wird er auch bisweilen als “Stadtsheriff” bezeichnet. Er widmet sich mit Hingabe Problemen, die keine sind. Die echten Probleme hat er offenbar schulternzuckend hingenommen – nur so ist zu erklären, dass die zuständige Amtsleiterin des Jugendamtes Hamburg-Mitte noch im Amt war nach dem Tod von Lara-Mia.
Ungeeignet, aber keine passende Stelle
Jedem Beobachter mit einem Restfunken an Verstand verschlägt es den Atem, wenn Markus Schreiber erklärt, dass er nach dem Tod der acht Monate alten Lara-Mia, ebenfalls aus Wilhelmsburg, im Jahr 2009 die Leiterin des Jugendamtes Mitte für ungeeignet hielt, aber sie auf dem Posten ließ, weil er “keine andere Stelle” für sie gefunden habe. Inzwischen ist Pia Wolters beurlaubt – vielleicht zu spät.
Sonderausschuss Jessica
Schon 2005 fiel in Hamburg ein Kind durchs Raster: Jessica. Unter großem Aktionismus versprach der damals amtierende Bürgermeister Ole von Beust (CDU), dass sich dies nie wiederholen dürfe. Kurzzeitig wurde unter erhöhtem Personalaufwand daran gearbeitet, dieses Versprechen einzuhalten. Dann wurde das Personal ausgedünnt, und die Behörden fielen schnurstracks zurück ins alte Muster, prangert auch Kinderhilfe-Chef Georg Ehrmann an. Das Personal wurde ausgedünn, weil kein Geld da war. Für das komplett fehlkalkulierte und völlig überflüssige Prestige-Projekt Elbphilharmonie finden sich allerdings immer noch ein paar Millionen im Budget.
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